Rückblick aufs Radiocamp der Freien Radios

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Vom 04. bis 08. Mai diesen Jahres fand in Raumünzach im Schwarzwald das Radiocamp 2016 mit über 60 Teilnehmer*innen und zahlreichen Workshops, Seminaren und zwei Abendveranstal-tungen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen statt. Bei strahlendem Sonnenschein hatten wir am Himmelfahrtwochenende, im Pfadfinderzentrum am wild-romantischen Flüsschen Murg, Gelegenheit, uns mit praktischen wie theoretischen Aspekten Freien Medien- und Radioarbeit zu befassen, uns über unabhängigen Journalismus und Freie Medien auszutauschen und uns zu vernetzen. 

Für alle, die leider nicht dabei sein konnten, haben wir hier einen kleinen Überblick darüber zusammengestellt, was war und was kommt, denn bereits jetzt steht fest: Es wird im Jahr 2017 wieder ein Radiocamp stattfinden!

Für die Organisation hat sich bereits in Raumünzach ein Team zusammengefunden, dessen erstes Orga-Treffen am 30. Juni in Freiburg bei Radio Dreyeckland stattfinden wird. Interessierte Freiwillige können sich gerne noch 'einklinken'. Nehmt am besten direkt Kontakt auf und erfragt den aktuellen Stand der Planungen.

Die Post-Produktion der Aufnahmen für die Dokumentation des Radiocamp 2016 auf unserem Blog  wird in den kommenden Wochen sicher noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Erste Beiträge zum Nachhören finden sich aber schon jetzt online:

Einen wunderbaren 12-minütigen Audio-Rückblick auf das Camp und findet ihr hier, Er wurde erstellt von Simon (Campusradio Kassel), dem in seinem Beitrag gelungen ist, nicht nur die Atmosphäre  einzufan-gen, sondern sowohl Referent*innen als auch Organisator*innen zu Wort kommen zu lassen und ein – wie wir meinen – repräsentatives Fazit zu ziehen.

Das Ergebnis des Workshops "Hörspiel und Sounddesign" unter Leitung von Miri Watson (Wüste Welle, Tübingen) findet ihr hier. Mit dem originellen Stück „Save the Population“ wird endlich das Geheimnis gelüftet, wo eigentlich die Freien Radios herkommen und wie sie entstanden sind.


Hier nachhörbar abrufbar ist der Mitschnitt der Veranstaltung von Kyra Morawietz (Berlin): „Frauenfunk - eine historische Betrachtung über Frauen in und vor den Radios“. Die Vortragende hat lange in Archiven gebuddelt, um die Fakten zusammen zu tragen. Der erste Teil, von der Erfindung des Radios 1923 bis nach dem zweiten Weltkrieg, wurde von Luca (RDL, Freiburg) aufgenommen und zur Verfügung gestellt.

Verwiesen sei auch auf das Evaluationstool für Freie Radios. Es wurde im Rahmen eines  Work-shops auf dem Camp vor- und kapitelweise auf den Prüfstand gestellt. Die Teilnehmer*innen haben Ideen und Vorschläge zur Arbeit mit diesem neuen Instrument des Bundesverbandes Freier Radios (BFR) entwickelt und erste Einschätzungen dazu vorgenommen, wie es die Situation in ihren Sendern zu spiegeln und zu hinterfragen vermag. Das Tool ist frei download- und ausprobierbar.

Ein kleines musikalisches Werk, das im Workshop Elektronische Musik mit Audacity mit Antje Meichsner (Coloradio, Dresden) entstand ist ebenfalls nachhörbar, nämlich hier.

Mit Spannung erwartet werden darf das  Hörstück „Der Flug der Lindberghs. Ein Radiolehr-stück für Knaben und Mädchen“, neu aufgenommen auf dem Radiocamp mit über einem Dutzend Teilnehmer*innen. Es entstand unter dem Arbeitstitel „Hier spricht der Apparat – Theore-tische und praktische Auseinandersetzung mit Brechts Lindberghflug“ unter Anleitung der Medien- und Performancekünstler Ole Frahm und Torsten Michaelsen (Hamburg, Ligna), und zwar an historischem Ort: Die Erstvertonung erfolgte vor rund 100 Jahren nur rund 30 Kilometer entfernt, ebenfalls im Schwarzwald.

Für die erste der beiden Abendveranstaltungen, die aktuelle gesellschaftspolitische Fragen thema-tisierten und für die ebenfalls Mitschnitte verfügbar sind, konnten wir den wohl versiertesten Ken-ner und Beobachter der Alternative für Deutschland (AfD) als Referenten gewinnen: Der Soziologe Andreas Kemper erläuterte auf beeindruckende Weise Hintergründe der Entste-hung und Funktionsweise dieser Gruppierung, die als eurokritische Partei während der Finanzmarktkrise entstand. Konflikte zwischen dem transatlantisch-neoliberalen Minderheiten- und dem nationalkonservativen Mehrheitsflügel führten 2015 zu einer weiteren Radikalisierung. Die Flüchtlingsdebatte trug mit dazu bei, dass die AfD weiter gestärkt wurde. Sie kooperiert europaweit mit ebenfalls erstarkten rechten Parteien. Intern lassen sich neoliberale, antisäkulare und völkisch-natio-nalistische Strömungen unterscheiden. Ihnen gemein ist die Forderung nach mehr Ungleichheit zwischen arm und reich, zwischen Geschlechtern und zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen. Die AfD zeigt sich als Partei der Ungleichheit, die mit geschürter Hasssprache für elitäre Privilegien kämpft. Die Aufnahme dieser Veranstaltung vermittelt uns als Jounalist* innen und Hörer*innen das notwendige Hintergrundwissen, um Inhalte und öffentliches Auftreten der AfD einordnen und bewerten zu können.

Als Referenten der Diskussionsrunde „Geflüchtete und Freie Radios“ waren  Bino Byansi Byakuleka (We Are Born Free – Empowerment Radio, Berlin) und Tim Schleinitz (Studio Ansage, Berlin) aus Berlin angereist. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie Geflüchtete in die Arbeit freier Radios eingebunden werden können, beziehungsweise wie ihnen die eigene Arbeit in diesem Medium ermöglicht werden kann. Unter reger Beteiligung der Teilnehmer*innen dieser Abendveranstaltung wurde das Verhältnis von Geflüchteten und UnterstützerInnen in den Freien Radios diskutiert. Dabei wurden Fragen des Critical Whiteness-Konzeptes und von Intersektionalität aufgegriffen. Die Referenten berichteten von ihrem gemeinsamen Projekt „We! Radio“, mit dem sie auch für den unterschiedlichen sozialen Status von Geflüchteten und UnterstützerInnen sowie die Verschiedenheit der eigenen Erfahrungen sensibilisieren wollen. Anhand des Vergleichs dieses „Grassroots“-Ansatzes mit aktuellen Konzepten öffentlich-rechtlicher Medien ließ sich zudem veranschaulichen, wie deutlich sich staatlich konzipierte von freier Medienarbeit unterscheidet. Auch dieser Mitschnitt steht online.

Und schließlich möchten wir nicht versäumen, an dieser Stelle noch einmal ein ganz großes Dankeschön an alle Referent*innen und Unterstützer*innen des Radiocamp 2016 - alle Techniktransport-und Einkäufefahrer* innen, alle Küchenfeen und -kobolde, alle Putzteufel*innen und nicht zuletzt an alle Förderer und Kooperationspartner*innen - zu richten.