Reinventing Alternative Radio?

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Überlegungen zur Zukunft Freien Radios in der Bundesrepublik Deutschland

1. Panorama des nichtkommerziellen privaten Hörfunks

Über Community Media zu sprechen ist in der Bundesrepublik Deutschland ein schwieriges Unterfangen: Zu unterschiedlich sind die rundfunkpolitischen Bedingungen der Länder. Nirgends in Europa ist die rundfunkpolitische Situation in Bezug auf den nichtkommerziellen privaten Rundfunk konfuser und unübersichtlicher. Beschränken wir uns auf den Hörfunk und gehen aus von dem gesetzlich nicht verankerten, aber politisch verbreiteten Begriff des Freien Radios, dann können wir feststellen:

  • Der Sektor der ,,Freien Radios" korrespondiert in hohem Maße mit international gebräuchlichen Kriterien für Community Media. Er verweist darüber hinaus in seinen Selbstbeschreibungen vielfach auf den Entstehungskontext sozialkritischer Bewegungen und linksalternativer Positionen, umfasst jedoch nur einen Teil des nichtkommerziellen privaten Rundfunks und ist mit der Tatsache konfrontiert, dass es zugleich staatlich oder quasi-staatlich betriebene Offene Kanäle und Ausbildungskanäle gibt, wobei letztere, streng genommen, nicht als Community Media bezeichnet werden können.
  • Häufig sind auch diejenigen Radios, die sich selbst als Freies Radio bezeichnen, also sowohl die Kriterien für Community Radio erfüllen als auch sich als politisch/ kulturell ,alternatives Radio' verstehen, hochgradig heterogene Gebilde, innerhalb derer nur Minderheiten die offizielle politische Selbstbeschreibung des Radios tatsächlich aktiv oder zumindest passiv vertreten. · Umgekehrt sind in anderen Bürgermedienmodellen ­ etwa Offenen Kanälen ­ Akteure (,,NutzerInnen") anzutreffen, deren kulturelles, künstlerisches bzw. politisches Selbstverständnis in hohem Maße mit den Selbstbeschreibungen Freier Radioinitiativen korrespondiert, die aber nicht über einen eigenen Zugang zu terrestrischen Verbreitungskapazitäten als Programmveranstalter verfügen.
  • Darüber hinaus sind Freie Radio-Akteure und -Initiativen in temporären Projekten (Ereignisrundfunk), mit Online-Angeboten und/oder Mikro FMAktionen präsent. Internetbasierte publizistische Plattformen und Verbreitungswege gewinnen weiter an Bedeutung. · Ob man in einem Bundesland bzw. in einer Stadt lebt, welche die Option eines NKL/Freien Radios bietet, oder eben nicht, ist weitgehend vom Zufall abhängig. Während mancherorts nichtkommerzielle lokale Hörfunkangebote ohne jeglichen lokalen Vorlauf quasi ,von oben' erzeugt wurden, bemühen sich anderenorts Radioinitiativen seit 15 und mehr Jahren ohne jeden Erfolg um eine medienrechtliche Zulassung. Vor dem Eintritt in das digitale Zeitalter konnte das nur durch ,Rundfunkpiraterie' kompensiert werden, heute sind Produktion und erst recht Verbreitung von Audioinhalten aber nicht mehr allein von den medienpolitischen Rahmenbedingungen der Bundesländer abhängig. Es liegt also nahe, Freies Radio noch einmal neu, ausgehend von den individuellen Akteuren, zu denken: Unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten und welchem Radio sie evtl. zuarbeiten.

2. Viele Sender - wenig Kommunikation?

Blicken wir aber zunächst kurz zurück: Als in den siebziger und achtziger Jahren die Piratenfunker auf Sendung gingen oder als 1993 der Bundesverband Freier Radios gegründet wurde, war das mit der Forderung verbunden, alle, die Radio machen wollen, sollten auch Zugang zu Frequenzen und Verbreitungskapazitäten erhalten. Dieser freie Zugang zum Rundfunkmedium gehört bis heute zu den Essentials im Selbstverständnis der Freien Radios. Wer senden will, soll auch senden dürfen: Dieser Grundsatz hat sich abstrakt erhalten, erscheint aber im Jahr 2008 gleich in mehrfacher Hinsicht als Vision verbraucht:

  1. Im Grunde können heute, im Zeitalter schneller Internetzugänge, alle, die senden wollen, auch senden. Viele senden auch. Aber was? Man könnte fast wieder zurückgreifen auf Brechts Ausführungen zum Radio: ,,Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit, und um die Situation des Rundfunks noch genauer zu kennzeichnen: Nicht Rohstoff wartete auf Grund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sehen sich angstvoll nach einem Rohstoff um. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, alles allen zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegt, nichts zu sagen".
  2. Über Jahre hinweg gelang es in Berlin nicht, die rechtsextremen Kameraden von ,,Radio Germania" aus dem Programm des Offenen Kanals zu entfernen. Wie würde sich die Situation in einer durchschnittlichen sächsischen oder Mecklenburger Kleinstadt darstellen? Möchten wir wirklich, dass im sächsischen Pirna oder im thüringischen Arnstadt ein zugangsoffenes lokales Radio sendet? Im hessischen Butzbach würde vielleicht ein gewisser Christian Müller ­ seines Zeichens Videoaktivist der rechtextremen Szene ­ sein Interesse für Radio entdecken... In zahlreichen Kleinstädten, zumindest in den ostdeutschen Bundesländern, sind inzwischen rechtsextreme Kameradschaften die auffälligsten ,jugendkulturellen' Initiativen, es liegt also nahe, dass sie sich auch der zugangsoffenen Medien bemächtigen würden.

Freies Radio im Sinne von frei zugänglichem Radio wäre ­ und ist - längst keine Domäne der Linken mehr. Im Gegenteil: Auch in den meisten sendenden Radios sind linke und linksalternative Positionen, letztlich aber politische Perspektiven und politisches Engagement überhaupt, eher in der Minderheit. In den Bundesländern, in denen gesetzliche Grundlagen für die Zulassung und Förderung nichtkommerziellerlokaler Radios geschaffen wurden, sind gut ausgestattete Radios auf Sendung, die keinerlei Vorlauf als politische Initiative bzw. als Teil einer sozialen Bewegung aufwesen.

Aber auch die im BFR zusammengeschlossenen Freien Radios haben wenig mehr gemeinsam als den partizipativen Ansatz und einen zumindest rhetorischen Bezug auf Konzepte der Gegenöffentlichkeit, der alternativen, interventionistischen oder auch souveränen Medien. 3. Schon immer habe ich mir die nicht mehr nur hypothetische Frage gestellt, was denn wäre, wenn eine der Grundforderungen Freier Radios Realität wäre: Jede(r) kann senden. Oder ganz real: Jede(r) sendet. Wäre dann nicht (Freies) Radio vollkommen überflüssig im Sinne von politischer Öffentlichkeit? Ist die regulative Verwaltung des Rundfunks im Sinne der Limitierung der Angebote gar die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Radio überhaupt noch relevant bleiben kann als Massenmedium?

Diese Fragen greifen zwar einerseits zu kurz, sind aber deshalb nicht einfacher zu beantworten. Die Fragmentierung von ,Öffentlichkeit' ist ja vielfach beschrieben worden. Wenn via Satellit und Internet, oder auch über zukünftige terrestrische Verbreitungswege, hunderte, ja tausende miteinander konkurrierende Special Interest-Programme empfangbar sind, wo liegt dann die Attraktivität eines Freien Radios? Ist der Rezipient, der zum Produzenten wird, zukünftig vielleicht derjenige, der Programme ,sampelt' und aus vorhandenen Angeboten und Materialien wiederum neue individuelle Angebote, ,Programme' bzw. ,Formate' erstellt? Was bedeutet dann eigentlich noch Radiokommunikation?

Ohne zu spekulativ zu werden: Viele Sender bedeuten nicht automatisch viel Kommunikation. Im Gegenteil: Anders, als es uns das schon immer hochfiktive Konstrukt einer bürgerlichen politischen Öffentlichkeit glauben machen will, leben wir mit dem Paradox eines Verschwindens von Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Explosion der Zahl der Medienangebote.

Mögliche Alleinstellungsmerkmale von Community Radio bzw. Freiem Radio sind sowohl in den Selbstverständnisdebatten wie auch in der Mediengesetzgebung zu erkennen, nur sind sie in der Praxis nur bedingt vereinbar:

  • die lokale Ausrichtung als publizistische Ergänzung zu überregional ausgerichteten Rundfunkprogrammen,
  • die Übernahme von public service-Funktionen parallel zu den Reformen und der zunehmenden Quotenorientierung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten
  • die - teils temporäre - Neubestimmung von ,Gegenöffentlichkeit' im Zeichen bundesweiter bzw. globaler politischer Netzwerke, Aktionen und Kampagnen
  • die Theorie und Praxis einer anderen Art des Sprechens, einer Ästhetik der radikalen Subjektivität · die experimentelle Ausrichtung des Mediums und die Entwicklung bzw. Erprobung neuer Formen und Formate
  • die Kultivierung von Radio als Gesprächs- und als Livesituation
  • die Fokussierung der Organisationsform von Radio in Gestalt der Strukturentwicklung und -pflege als ,selbstverwaltetes Projekt'.

3. Freies Radio im Zeitalter der Digitalisierung

Freies Radio ist konfrontiert mit Faktoren, die noch vor 15 Jahren kaum vorstellbar waren. Im Zeitalter von Web 2.0, von Wikis und Blogs, frei zugänglichen Servern und schnellen Datenströmen haben sich nicht nur die Bedingungen für die Produktion und Verbreitung von Audioinhalten grundlegend geändert. Hier sollen einige Stichworte reichen: · die Möglichkeit der überregionalen, auch internationalen Koproduktion · die weltweite Verfügbarkeit produzierter Inhalte und Materialien · die potentielle Nachhaltigkeit und Nachhörbarkeit über Online-Archive · die Möglichkeit des Abonnements von Audioinhalten und der zeitversetzten Rezeption · die Einbindung von Radio in multimediale Angebote bzw. die Einbeziehung von Bild- und Textinhalten. Nie zuvor waren die Chancen für die überregionale redaktionelle Arbeit in netzwerkförmigen Strukturen so groß, unter potentieller Einbeziehung von Akteuren, die an ihren Wohnorten wenig oder gar keinen Zugriff auf einen nichtkommerziellen Hörfunkveranstalter haben oder die mit diesem unzufrieden sind. Online-Applikationen bieten zugleich Voraussetzungen für neue Varianten der Selbstverwaltung und projektinternen Informations- und Kommunikationsstruktur.

Freies bzw. alternatives Radio kann sich, muss sich aber nicht lokal verorten. Es sind individuelle Akteure, die es zu vernetzen gilt und die je nach lokalen Bedingungen aktiv an der Gestaltung von Community Radios mitwirken oder solche entwickeln können - oder auch nicht. Lokale Community Radios sind nur noch eine von mehreren Optionen der freien Radioarbeit. Communities können sich ebenso als ,Community of Interest' überregional vermitteln und herausbilden. Die Neuordnung der Frequenz- und Rundfunklandschaft im Zeichen der Digitalisierung auch der terrestrischen Verbreitungswege ist einerseits eine Bedrohung für vorhandene lokale Veranstalter. Sie kann aber andererseits auch neue, bundesweit verbreitete freie und alternative Radioprogramme hervorbringen. Ein Miteinander von lokalen Community Radios und bundesweiten digitalen publizistischen Angeboten könnte die Zukunft Freier Radios sein. Allein: Es zeichnen sich weder medienpolitische, noch ,zivilgesellschaftliche' Akteure ab, die vorbereitet scheinen, diese Zukunft aktiv gestalten.

Bezeichnenderweise enthaltene international verbreitete Definitionen von Community Media (etwa im CMFE oder bei AMARC) kein Kriterium, das sich auf die Programmformen, Formate und Inhalte von Community Media bezieht. Es gibt kein wirklich gemeinsames programmbezogenes Selbstverständnis, etwa im Sinne eines alternativen Radios. Tatsächlich müssen Community Radio und alternatives Radio nicht das Gleiche meinen, wobei die Existenz ersterer die Möglichkeiten für letzteres zweifellos verbessert. Eine politische Linke, die auf alternative Inhalte und Formen ebenso setzt wie auf partizipative Strukturen und Selbstorganisation, sollte sich einerseits aus taktischen Gründen nicht gegen die politische Interessenvertretung von Community Media im übergreifenden Sinne sperren, andererseits aber eigene Plattformen, Assoziationen und Initiativen entwickeln, welche nicht nur und auch nicht vor allem Veranstalter zusammenbringt, sondern individuelle Akteure - unabhängig davon, ob sie in einem Freien Radio, einem Offenen Kanal oder temporär als Radiokünstler, Piraten oder als Produzenten für öffentlich-rechtliche Anstalten on air sind. Vor allem aber unabhängig davon, ob sie überhaupt on air sind oder möglicherweise ihre alternative Radiopraxis ausschließlich mit dem Medium Internet verbinden.

Thomas Kupfer