BFR-Rundbrief
4. Quartal 2010
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4. Quartal 2010
Funk Now!
...über den Umgang zeitgenössischer KünstlerInnen mit Radiofunk
Eine internationale Funkausstellungen, nicht die in Berlin, wo internationale Technologiekonzerne ihre zukünftigen Produkte vorstellen, sondern eine Ausstellung, die die Aneignung von Funktechnik am Beispiel von KünstlerInnen aus Japan, Kanada, Neuseeland und Deutschland zeigt, ist seit 19. August 2010 im D21 Kunstraum Leipzig zu sehen. Statt High gibt es hier Low Tech. Schließlich geht es darum, einen alternativen und demokratischen Zugang zum altehrwürdigen Medium Radio zu finden. Im Hintergrund raunt die alte Utopie von Brecht und Enzensberger, die RadiohörerInnen zu aktiven MitgestalterInnen der Radiokommunikation zu verwandeln.
Den Anfang macht ein Schaubild des neuseeländischen Künstlers Julian Priest. Es entstand aus Anlass der „waves“-Ausstellung 2006 in Riga. Priest will als Künstler und Aktivist für freie Bürgernetze die Öffentlichkeit für die Vergabepolitik von Radiofrequenzen sensibilisieren. Für „The Political Spectrum“ analysierte er die nationalen Gesetzgebungen mehrerer europäischer Staaten wie Polen, Deutschland, Dänemark, Finnland, Lettland usw. auf die Häufigkeit der Erwähnung von bestimmten Nutzungen. Aus der Menge der Erwähnungen folgert er auf den politischen Einfluss der entsprechenden sozialen und politischen Gruppen. Für Lettland hatte er die Tabelle freigelassen, um gemeinsam mit den AusstellungsbesucherInnen in einem Rollenspiel, das sich an örtlichen Vergabepraktiken (Auktion, Ideenwettbewerb) orientierte, die Frequenzvergabe zu diskutieren. Während des Eröffnungstages verließ der Künstler den Ausstellungsraum für eine Stunde. Als er wiederkam, sah er, dass die BesucherInnen die Regeln missachteten und die bereit gestellten Stifte nutzten,
um über das ganze Whiteboard zu schreiben. In der unerwarteten Reaktion der Öffentlichkeit auf das Kunstwerk sieht der Künstler den Drang der Individuen, kommunizieren, senden und sich selbst in den öffentlichen Medien präsentieren zu wollen. Das Original hängt in der Universität in Riga, ein digitales
Abbild der Tafel hat er unter einer Copyleft-Lizenz online gestellt.
Die AusstellungsbesucherInnen der Leipziger Schau sind von der Hamburger Radiogruppe LIGNA aufgerufen, diesem Kommunikationsdrang in ihrem Interaktionsprojekt „Radio Interpellation“ nachzugehen. In den Räumen des D21 warten zwei Rucksack-Radiogeräte, aus denen jeweils zwei große 8-Ohm-Lautsprecher herausragen, darauf, auf die Straße getragen zu werden, Flanieren zu gehen, ihre HörerInnen in aller Öffentlichkeit anzurufen und die gewohnte Ordnung zu unterbrechen. Ihre Stärke liegt in der Verknüpfung lokaler Berichterstattung mit der Öffentlichkeit des Hörens. Ein ReporterInnenteam kann Personen auf der Straße unweit der Lautsprecher befragen, das Mobiltelefon ist das Mikrofon. Bisher haben drei „Interpellationen“ in Leipzig stattgefunden, für die Radio Blau freie Sendeplätze zur Verfügung stellte: Am 22. August 2010 führte LIGNA die – von einer kurzen Filmsequenz aus dem Dokumentarfilms „Sans Soleil“ (1982) von Chris Markers inspirierte – Apparatur vor. Zuerst bewegten sich die Radios über den Richard-Wagner-Hain und gaben Auskunft über die nationalsozialistische Vergangenheit der Parkgestaltung. In einem zweiten Teil war der Abriss der Leipziger Brühlbebauung im Stil der DDR-Moderne Gegenstand des Radiosgesprächs zwischen Ole Frahm (LIGNA) und Britt Schlehahn (Kunstverein Leipzig).
Am 29. August 2010 spazierte einer der Lautsprecher durch den Clara-Zetkin-Park und thematisierte die prekäre Situation von Radio Blau, das auch 2011 wieder in eine ungewisse Zukunft schaut. Am 4. September 2010 trennten sich die beiden Lautsprecher, einer fuhr in den Stadtteil Gohlis, während der andere durch Stötteritz spazierte. Die beiden Radioteams gaben sich in einem spielerischen Wettkampf Begriffe vor, die es mit den Beobachtungen vor Ort zu verknüpfen galt.
Radio auf einen kleinen Radius zu begrenzen und das Lokale mit dem Äther zu verbinden, ist auch das Thema des japanischen Radiokünstlers Tetsuo Kogawa. Als er Ende der 1970er in Texten von Felix Guattari von der radikalen Bewegung Freier Radios in Italien las, begann er nach einem Weg zu suchen, diese Bewegung nach Japan zu holen. Da in Japan das Senden in niedriger Frequenzstärke legal ist, wurde dort die Mini-FM-Bewegung daraus. Mittels einfacher, selbst gelöteter Minisender lässt sich Radio, praktisch von jedem Ort aus, für die eigene Nachbarschaft machen. Kogawa sagt selbst, dass weniger der häufig spontane und situationsabhängige Inhalt der Sendungen, sondern das soziale Moment an Mini-FM-Stationen wie Radio „Home run“ interessant war. Die Radiostationen waren für die HörerInnen erreichbar. Nach Kogawas Auffassung sollte eine Radiostation ähnlich wie ein Club oder ein Theater funktionieren, wo das Publikum hingeht und ins Geschehen eingreifen kann. Diese und weitere Gedanken präsentierte Tetsuo Kogawa in einer Radiosendung auf Radio Blau am 25. August 2010 und in seiner Leseperformance „From free radio to radio art“ am 26. August 2010. Am 28. August 2010 gab er einen Workshop, in dem er zehn TeilnehmerInnen beibrachte, wie man sich einen eigenen Mini-FM-Sender lötet. Am Abend des 29. August 2010 verwandelte er das Studio von Radio Blau und den Äther in einen virtuellen Partyort, an den er nicht nur die HörerInnen und AusstellungsbesucherInnen einlud, sondern auch RadiokünstlerInnen aus aller Welt wie Honor Harger (r a d i o q u a l i a), Elisabeth Zimmermann (Kunstradio), Knut Aufermann und Sarah Washington mit ihm via Skype über Radiokunst zu „schwatzen“.
Dass Mini-FM- bzw. Mini-TV bereits heute im urbanen Leben weit verbreitet ist, allerdings unter anderen Vorzeichen, zeigt die 3-Kanal-Videoinstallation „17 cities“ der kanadischen Künstlerin Michelle Teran: Zahlreiche Apparate wie Videoüberwachungsanlagen mit Bildfunk, Bildbabyphone u.ä. verstreuen Bilder im Raum, die zwar für den privaten und kontrollierenden Gebrauch gedacht sind, sich aber unkontrolliert im Raum verbreiten und von Jedermann mit einem adäquaten Empfangsgerät aufgefangen werden können. Seit 2003 hat Michelle Teran in ihren Straßenperformances „Life: A Users Manual“ in 17 Metropolen von Berlin über Montreal bis Seoul Überwachungsbilder aus Supermärkten, von Parkplätzen und Häuserwänden, Kinderbetten und Schlafzimmern aufgefangen und in der Videoinstallation zusammengeschnitten. Sie geben ein eindrückliches Bild der Ikonografie vom sorgenden Blick auf Menschen und Objekte und ein Kaleidoskop des aktuellen Stadtlebens.
„Funk Now!“ ist durchaus als Aufforderung an die BesucherInnen zu verstehen, sich dem Medium Radio selbst zu bemächtigen, um ganz neue Formen des Radiomachens zu entdecken. Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Oktober 2010 zu sehen. Dann laden übrigens alle unabhängigen Kunsträume von Leipzig-Lindenau zum Ausstellungsmarathon „Lindenow“ ein.
Fotos & Text: Michael Arzt (künstlerischer Leiter von Funk Now!
Ausstellung
FUNK NOW!
mit TETSUO KOGAWA (JP), LIGNA (D), JULIAN PRIEST (NZ), MICHELLE TERAN (CA)
19. August bis 10. Oktober 2010
Öffnungszeiten: Do-So, 13-19 Uhr
D21 Kunstraum Leipzig, Demmeringstr. 21, 04177 Leipzig, www.d21-leipzig.de
