[ bfr-rundbrief ] Zeitschrift des Bundesverbandes Freier Radios 3. Quartal 2008 Themen: • Digital Radio vs. Freies Radio • Zensur bei Radio Flora in Hannover • CampRadio zum Antira- und Klimacamp • Eindrücke vom G8 RadioForum in Japan Seite 2 Inhalt: Zensur bei Flora Seite 3 CampRadio Hamburg Seite 4 G8 Radioforum Japan Seite 5 DAB vs. Freie Radios Seite 6 coloRadio Dresden Seite 8 Fragebogen „Wie furchtbar ist Radio in Deiner Stadt“ Seite 10 Radiocamp 2008 Seite 13 RaDialoge 08 Seite 14 Radioinitiative Seefunk Seite 15 FSK fordert Daten zurück Seite 16 Meldungen Seite 17 Adressen Seite 18 Termine Rückseite Editorial Liebe LeserInnen, Austausch zwischen Freien Radios und gemeinsames Handeln kann sich lohnen. In Sachsen führen die Gefahren der geplanten Digitalisierung und die ungewisse Finanzierung der Freien Radios zu Protesten in Chemnitz. In Dresden konnte nun nach 15 langen Jahren eine Lizenz für coloRadio erreicht werden. Es gibt überregionale Radioarbeit, ob beim bevorstehenden Klima- und Antira-Camp in Hamburg, dem Seefunk im Lausitzer Braunkohlerevier oder rückblickend beim Radiocamp am Bodensee, dem Interkulturellen Radiofestival „RaDialoge08“ in Zürich oder beim G8-RadioForum in Japan. Allerdings gibt es auch Konflikte. Der BFR hat auf Zensurmaßnahmen bei Radio Flora in Hannover reagiert. All das ist in dieser Ausgabe nachzulesen. Ausnahmslos alle Radios müssen sich dann doch noch eine Frage in der Heftmitte gefallen lassen: „Wie fürchterlich ist das Radio in Deiner Stadt?“ Eine spannende Lektüre wünscht die Rundbrief-Redaktion Seite 3 Zensur bei Radio Flora OFFENER BRIEF an den Vorstand von Radio Flora Der Bundesverband Freier Radios (BFR) registriert mit äußerstem Befremden die Vorgänge im Hannoveraner Mitgliedsradio Radio Flora. Nach den uns vorliegenden Informationen werden gegenwärtig die Statuten, auf deren Basis Radio Flora Mitglied im BFR ist, ausgehebelt, die basisdemokratische Selbstverwaltung in Frage gestellt und die Rechte von MitarbeiterInnen unterlaufen. Konkret wenden wir uns gegen das Absetzen einer Sendung der Redaktion International, deren Veröffentlichung auf dem regulären Sendeplatz am 7. Juli 2008 um 18:05 Uhr von der Programmleitung verhindert wurde. Ein Radiofeature, das über die Hintergründe und Konsequenzen der Umwandlung des selbst verwalteten Senders in eine gemeinnützige GmbH berichten sollte, war unterbrochen und durch Musikeinspielung ersetzt worden. Erst auf einem offenen Sendeplatz am 8. Juli 2008 wurde die Ausstrahlung schließlich ermöglicht. Wir fordern, dass die Diskussion und Auseinandersetzung über die Ausrichtung eines Freien Radios offen und fair geführt wird. Diese muss für alle, HörerInnen und MitmacherInnen, transparent sein. Deshalb verlangen wir, dass die am Montag, den 14. Juli 2008 von der Redaktion International geplante Studiodiskussion zu diesem Thema stattfinden kann. Die bisherigen Maßnahmen gegen die Redaktion International scheinen uns unvereinbar mit den Grundsätzen Freier Radios. Die Mitgliedsradios des BFR verpflichten sich, Personen und Gruppen gemäß ihrer Redaktionsstatuten die Möglichkeit zur unzensierten Meinungsäußerung und Informationsvermittlung zu geben. Vor diesem Hintergrund sehen wir die Zensur von selbstkritischen Sendungen einer regulär sendenden Redaktion auch als Verletzung der Meinungs- und Pressefreiheit. Wir protestieren scharf gegen die Verfahrensweise und fordern die Verantwortlichen nachdrücklich auf, weitere Versuche zu unterlassen, die publizistische Freiheit kritischer MitarbeiterInnen einzuschränken. Besonders verwundert uns, dass gerade eine Sendung abgesetzt wurde, die sich kritisch mit der Rolle der Aufsichtsbehörde die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) auseinandersetzt. Hintergrund dieser Vorgänge ist anscheinend die Politik der NLM, die Radio Flora die Verlängerung der Sendelizenz im Vorjahr unter dem Vorwand mangelnder Akzeptanz des Programms verweigert hatte. Demokratische Strukturen und kritische Positionen werden von einigen MitarbeiterInnen von Radio Flora nun offenbar als „Entwicklungshemmnisse“ betrachtet, die vor einer Neulizenzierung beseitigt werden sollen. Quotenorientierung und Anpassung am Mainstream kann nicht Basis eines gesellschaftlich emanzipatorischen Hörfunkprogramms sein. Der Bundesverband Freier Radios unterstützt die Forderung, Radio Flora als Freies Radio zu erhalten. Update vom 01. August 2008 Die Diskussionsrunde am 14. Juli 2008 konnte nach Veröffentlichung dieses offenen Briefes doch noch ausgestrahlt werden. Das Feature war aber - abgesehen vom offenen Sendeplatz - bisher in keiner regulären Sendung bei Radio Flora zu hören. Als Reaktion der Verantwortlichen hat den BFR bisher lediglich die Antwort eines Mitglieds des Flora-Vorstandes erreicht, eine Reaktion des gesamten Vorstandes oder der Programmleitung steht aber noch aus. Inzwischen ist der Flora-Vorstand wiederum zurückgetreten. Bei einer Mitgliedervollversammlung am 27. Juli 2008 war eine Abstimmung, über den vom Vorstand eingebrachten Tagesordnungspunkt „Ausschluss von Mitgliedern“, von der Mehrheit der Anwesenden abgelehnt worden. Einige Tage zuvor waren auch die von der Landesmedienanstalt vorgegebenen Einigungsgespräche, von einem der drei Bewerber um die Flora-Frequenz, unterbrochen worden. Das angesprochene Feature ist zu finden: - als Text: www.ak-regionalgeschichte.de/html/die_kampagne.html - als Sendung: www.freie-radios.net/portal/content.php?id=23179 Radio Flora Webseite: www.radioflora.de Seite 4 Hamburg / CampRadio RadioZelte in Hamburg - atmospheric_disorder im FSK Es ist Sommer und wieder steht politisch-aktionistisches Campen an. Unter sehr verschiedenen Vorzeichen sind zwei Camps auf dem Weg nach Hamburg. Die AntiRa Bewegung, die sich trotz der verschärfenden rassistischen Bedingungen in unserer Gesellschaft, in den letzten Jahren viel an Kraft verloren hat, erhofft sich neue Impulse. Gleichzeitig gibt der Hamburger Flughafen, der inzwischen ein zentraler Abschiebeflughafen geworden ist, und die rigide Flüchtlingspolitik der Stadt Hamburg und die Nähe zu Lübeck, wo Frontex Schulungen hält, gute Ansatzpunkte zu antirassistischen Aktionen. Das KlimaCamp versucht währenddessen mit einem Thema, das in der Öffentlichkeit eher als ein apolitisches daherkommt, eine neue Bewegung ins Leben zu rufen. Einigen Akteure_innen geht es bei dem „strategischen Doppelcamping“ auch darum, einen im letzten Jahr begonnenen Bündnisprozess fortzusetzen. Ob jedoch eine Wiederholung des Eventcharakters von Heiligendamm überhaupt etwas wünschenswertes ist, wo die versprochenen Verbindungen zwischen beiden Camps liegen, mit welchen Inhalten die jeweiligen Themenbereiche gefüllt werden, welche politischen Analysen dem politisch-aktivistischen Campen zugrunde liegen und noch viele andere Aspekte mehr, sind Fragen, die in einem eigens dafür eingerichteten CampRadio thematisiert werden sollen. Dieses wird unter dem Namen atmosopheric_disorder vom 15. bis 24. August 2008 täglich morgens von 10 bis 12 und abends von 20 bis 22 Uhr auf den Frequenzen des Hamburger Freien Radios FSK zu hören sein. Neben aktueller Berichterstattung über Ereignisse und Infos zu Aktionen, wird ein Schwerpunkt auf Hintergrundberichterstattung gelegt. Zudem soll anhand von Interviews und Diskussionsrunden mit Aktivist_innen ein Raum zur Auseinandersetzung und Reflexion geöffnet werden. Kritik und Selbstkritik sind dabei elementarer Bestandteil des Sendungen. Gerade durch das Interesse von atmospheric_disorder an den Inhalten und die Hinterfragung der Umsetzung der selbst gesetzten Ansprüche der Camps, ist Kritik ein wichtiger Beitrag zur Thematisierung von gesellschaftlichen Problemlagen und ein zentraler Bestandteil emanzipatorischer Praxis. Es wird also spannend, und somit wollen wir euch einladen das FSK-Programm - diesmal mit einem großen Schuss aktueller Berichterstattung, mit antirassistischen Schwerpunkt und der Thematisierung gesellschaftlicher Naturverhältnisse - zu genießen. Auf das sich bereits sicher geglaubte ‚Wahrheiten‘ verunsichern lassen und zu neuen Diskussionen führen. Weitere Infos: www.fsk-hh.org (Vorbereitungsgruppe atmospheric_disorder ) Seite 5 G8 RadioForum / Japan Im Gespräch mit Viviana Uriona, die Anfang Juli beim G8 RadioForum dabei war. Du bist gerade wieder aus Japan zurück. Wie waren denn Deine Eindrücke von den Protesten? Viviana: Das kann ich Dir noch garnicht richtig sagen. Für mich waren das schon krasse Kontraste, im Gegensatz zu dem wie es letztes Jahr in Rostock ablief. Ich meine die Verschiedenheit der Protestkultur dort, es gab auch eine wesentlich geringere Anzahl von Teilnehmern und es gab auch den ersten Gipfel der indigenen Völker. Andererseits gab es mal wieder die Möglichkeit an einem RadioForum teilzunehmen. Das sind alles viele Eindrücke an die ich immer wieder denken muss und wo ich merke, es wird Zeit vergehen müssen, bis ich alles aufgearbeitet habe. Welche alternativen Medien waren vor Ort? Viviana: Beim RadioForum waren es 10 Japaner und 13 internationale Aktivisten aus Freien Radios, aus Deutschland, Indonesien, Italien, Korea, Mali, Mexiko, Peru, Senegal, Spanien und den USA. Wir haben vor Ort über 30 Livesendungen und über 70 vorproduzierte Sendungen gemacht. Darüber hinaus gab es eine Gruppe von Videoaktivisten und eine Gruppe für Printarbeit. Und natürlich auch die Kollegen von Indymedia waren da. Alles zusammen doch eine sehr große Gruppe. Wie groß war die Repression, wie frei konntet ihr berichten? Viviana: Die Repression war anders als wie wir es von hier, von unserer westlichen Sichtweise kennen. Gewundert habe ich mich über die Ruhe und Zurückhaltung von Demonstranten, während der Fahrer und der DJ eines Lautsprecherwagens verhaftet wurden. Das hatte ich zuvor in Italien, Spanien oder Deutschland noch nie so erlebt und werde es wohl auch nicht. Damit meine ich nicht nur die Willkür wie die Verhaftung stattfand, das ist in allen Ländern gleich, sondern wie sie hingenommen wurde. Das war eine ungewöhnliche Situation, denn es herrschte ein Gefühl der Angst und der Ohnmacht und es gab keine konkrete heftige Aggression, wie wir es kennen. Wenn das nicht als Repression verstanden wird, dann müssen wir uns verständigen, wie wir Repression definieren wollen. Aber im Bezug auf die Berichterstattung konnten wir über alles berichten. Wie lief es beim RadioForum? Wer hat sich da beteiligt und wie habt ihr zusammengearbeitet? Viviana: Das war dieses Mal viel entspannter als letztes Jahr. Es ist ja auch viel weniger passiert und unsere Gruppe war auch viel kleiner. Die interkulturelle Arbeit hat besonders gut funktioniert. Obwohl wir den Informationsfluss immer noch verbessern sollten. Einerseits bräuchten wir bei solchen internationalen Ereignissen eine Gruppe, die für alle den Stand der Dinge vor Ort checkt und das in alle möglichen Sprachen übermittelt. Auch wenn wir als Radioleute Infos bekommen, brauchen wir diese Gruppe für die Bestätigung der Info. Andererseits müssen sich viele von dem Gedanken der exklusiven Nachrichten verabschieden. Das ist am schwierigsten zu bewältigen. Aber nichts ist unmöglich. Das hat in Japan besser geklappt aber immer noch nicht 100% gut. Die morgigen und abendlichen Plena waren sehr hilfreich, um den nächsten Tag zu bewältigen. Konntet ihr Erfahrungen vom RadioForum vor einem Jahr in Rostock nutzen? Viviana: Ja, sehr viele. Eine der Punkte war, darauf aufzupassen, dass alle ihre Infos bekommen. Was in Japan besonders schwer war, wegen der Sprache. Das erwies sich zunächst als größte Hürde, die wir dann aber bewältigt haben. Hierzulande wurde über die Proteste in Japan kaum berichtet. Woran lag es? Viviana: Nun, zunächst müsste man den Kollegen hier diese Frage stellen. Ich glaube es lag an viele Dinge zusammen. Erstens waren wir nicht von Anfang an involviert in die Vorbereitung. Die Bemühungen waren groß, aber es hat nicht alles geklappt. Das sollten Seite 6 wir für das nächste RadioForum lernen. Zweitens glaube ich, dass viele hier im Lande an vielen anderen Projekten beteiligt sind und die Distanz war ja auch nicht zu unterschätzen. Und Drittens könnte ich mir vorstellen, dass wir noch ein wenig Regenerationszeit brauchen. Die Vorbereitungen im letzten Jahr haben viel Energie und Zeit gekostet. Wann gibt es das nächste RadioForum? Viviana: Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir ein RadioForum zum AntiRa- und Klimacamp in August in Hamburg machen könnten. Und auch im September in Malmö im Rahmen des ESF (Europäisches Sozial Forum). Das kann eine sehr gute Spielwiese für das nächste RadioForum zum G8-Gipfel in Italien 2009 sein. Fragen: Stefan Tenner DAB vs. Freie Radios Die Freien Radios und der digitale Hörfunk in Sachsen Ganz Deutschland ist von DAB-Verächtern besetzt. Ganz Deutschland? Nein, natürlich nicht! Der Freistaat Sachsen wehrt sich tapfer gegen die Vernunft und hält als einziges Bundesland an der analogen UKW-Abschaltung zum 31.12.2009 fest. Die Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) als letzte Bastion des technischen Fortschritts in Deutschland glaubt daran, dass die sächsischen Radiohörer ihre UKW-Geräte brav in die Tonne werfen und einen Teil der dazugehörigen Sender gleich mit. Schön wäre es, wenn die Freien Radios in Sachsen das einzig Logische in dieser Situation tun könnten (sich kopfschüttelnd zurücklehnen). Leider können wir nicht geruhsam abwarten, bis der „kraftvolle digitale Neustart“ am 01.01.2010 von selbst in sich zusammenbricht und in letzter Minute die analoge UKW-Ausstrahlung in Sachsen verlängert wird. Hintergrund sind drei miteinander verknüpfte Probleme, die allen drei existierenden Freien Radios in Sachsen Schwierigkeiten bereiten: 1. Bei der Neulizensierung für Radio T und Radio Blau im Dezember 2003 und der gerichtlich durchgesetzten Angleichung für ColoRadio im Mai 2008 wurden die Sendelizenzen unter Verweis auf die Abschaltung des analogen Hörfunks nicht für den in Sachsen üblichen Zeitraum von 10 Jahren erteilt, sondern einheitlich bis zum 31.12.2009 verkürzt. Sollte dieser Termin irgendwann verschoben werden, könnten wir als ersten Schritt die volle Lizenzdauer fordern und auch einklagen (was vermutlich nötig sein wird). Solange der Abschalttermin nicht aufgehoben ist, fehlt uns jedoch der Hebel. Je länger Sachsen seinen unsinnigen Alleingang fortsetzt, umso weniger Zeit haben wir, das Verfahren abzuschließen. Doch es gibt noch eine 2. Schwierigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die SLM in die neuen Lizenzen einen Passus einfügen, der die Programmveranstalter verpflichtet, ihr Programm auch digital auszustrahlen. Damit verdoppeln sich nicht nur die laufenden Kosten der Ausstrahlung, sondern es fallen noch technische Einmalkosten von ca. 60.000 Euro an (Schätzung der SLM). Als wäre es nicht schon genug, kommt noch ein 3. Problem ins Spiel. Anders als in den restlichen Bundesländern werden die technischen Kosten der Seite 7 NKL-Programmausstrahlung in Sachsen nicht von der Landesmedienanstalt getragen, sondern von den privat-kommerziellen Mantelprogrammen. Die vertraglichen Verpflichtungen mit diesen enden ebenfalls zum 31.12.2009. Hinter vorgehaltener Hand wird schon ausgesprochen, dass die Frequenz 102,7 MHz in Chemnitz (gleiches gilt für die Frequenzen in Dresden und Leipzig) ohne NKL weiter betrieben werden soll. Das ist insofern frech, weil die bisher durch die Freien Radios genutzten Frequenzen extra für die NKLs koordiniert wurden und das Mantelprogramm mit der Auflage ausgeschrieben wurde, diese zu finanzieren. Im Ergebnis dieser Auflagen haben sich damals die fünf sächsischen landesweiten Programmketten zusammengetan und ein gemeinsames Mantelprogramm (APOLLO) gebildet. Vorteil für die Privaten (NRJ, Hitradio RTL, PSR, R.SA und SLP-Punktkette) ist die Aufteilung der Kosten und die Verhinderung eines zusätzlichen privat-kommerziellen Konkurrenten in Sachsen. Kurz gesagt: Es gibt rechtliche Schwierigkeiten, es wird teurer und es gibt kein Geld mehr! So richtig schön ist das alles nicht. Insofern wäre ein Schreiben des BFR an die SLM nicht übel, in dem diese aufgefordert wird, ihren unsinnigen Alleingang sofort zu beenden und schnellstmöglich Verhandlungen mit den NKL zur Verlängerung der UKW-Frequenzen zu beginnen. Das reicht natürlich nicht. Neben der Arbeit in der gemeinsamen Lobbyarbeitsgruppe von ColoRadio, Blau und T müssen wir auch mehr Aufmerksamkeit in unseren Städten selbst erzielen. Radio T hat am 20.07.2008 mit Klappstuhl & Kofferradio* einen ersten Versuchsballon gestartet. Die Ausgangslage war eher schlecht, das Ergebnis erstaunlich gut. Trotz Ferien, mangelndem Problembewusstsein, fehlender öffentlicher Werbung (es gab nur Flyer und Mailinglisten - keine Presseinformationen aus Furcht vor einem öffentlich dokumentierten schlechten Ergebnis bei dieser Testveranstaltung) kamen deutlich mehr als 200 Leute und bevölkerten in kleinen oder größeren Gruppen ein verlassenes Viertel bei uns um die Ecke (die Brühl-Einöde) auf ihren Klappstühlen. Gar nicht so wenige haben sich am gemeinsamen Transparent-Malen beteiligt und viele haben mit uns diskutiert. Vor allem jedoch wurde gemeinsam Radio T gehört, Tischtennis gespielt und gegrillt. Schön war, dass die Beteiligten selbst ausreichend batteriebetriebene Radios mitbrachten und unsere stille Reserve gar nicht zum Einsatz kam. Natürlich gibt es noch jede Menge Entwicklungspotential. Niemand hatte vor der Veranstaltung den Ernst der Lage wirklich begriffen. Das sieht inzwischen anders aus. Da geht noch einiges nach der Sommerpause und die ersten Absprachen mit Multiplikatoren sind getroffen. Am 21.09. gibt es die zweite Auflage, diesmal ist eine Demonstration inklusive. Fortsetzung folgt! Jörg Braune, Radio T, Chemnitz * Mit Klappstuhl und Kofferradio funktioniert wie folgt: ein kleines mobiles Außenstudio sitzt auf der Straße und sendet (via Musiktaxi in einer Kneipe). Es gibt keine Beschallungsanlage, sondern die Beteiligten hören über mitgebrachte Kofferradios. Seite 8 Dresden / coloRadio 15 Jahre Wartezeit: coloRadio erhält Sendelizenz Seit 1993 sendet coloRadio in Dresden. Mit Sendungen wie „Ein Mikrofon hört LSD“ haben wir uns sowohl bei der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) als auch bei anderen Gruppen keine Freunde gemacht. Aus der Jugendorganisation einer in Sachsen nicht ganz unbedeutenden Partei kam gar die Forderung nach Abschaltung des Senders. Nicht zuletzt deshalb hat es einige Jahre gedauert, bis die 1993 genehmigten 4 Stunden Sendezeit je Woche ausgeweitet wurden. Nachdem die Landesmedienanstalt coloRadio in einer Lizenzausschreibung übergangen hatte, wurde lange geklagt (nicht über die schlimme Welt, sondern vor Gericht) und verhandelt. Seit März 2007 sendet coloRadio nun jeden Tag, Montag bis Freitag 18:00 bis 23:00 Uhr und am Wochenende 12:00 bis 24:00 Uhr, insgesamt 49 Stunden in der Woche. Fast 15 Jahre sendete coloRadio ohne Lizenz nur mit einer Sendeerlaubnis, ein einmaliger Fall in Deutschland. Lange hatten wir uns um eine Lizenz bemüht, weil die auch nicht so leicht entzogen werden kann wie eine Sendeerlaubnis. Bereits am 2. August 2007 wurde eine Aussschreibung der SLM über die Zulassung der Frequenzen von coloRadio veröffentlicht, worauf sich die Radioinitative Dresden e.V. bis Ende August bewarb. Am 19. Mai entschied der Medienrat der SLM auf seiner monatlichen Sitzung nun, „der Bewerberin Radio-Initiative Dresden e.V. (coloRadio) eine Zulassung für die Veranstaltung und Verbreitung eines wöchentlich 49-stündigen nichtkommerziellen Fensterprogramms auf den UKW-Frequenzen Dresden Gompitz 98,2 MHz und Freital 99,3 MHz zu erteilen.“ Zulassung ist hier gleichbedeutend mit Lizenz. Das Zulassungsverfahren hatte sich wegen 7 Sendestunden pro Woche über 9 Monate hingezogen. Diese 7 Stunden wurden von Kooperationspartnervereinen übernommen. Zwischen SLM und coloRadio gab es Uneinigkeiten, wer diese Kooperationspartnervereine bestimmen darf. Die Zulassung heißt für coloRadio also mehr Sicherheit beim Senden. Doch das ist relativ. Als nichtkommerzielles Lokalradio fällt coloRadio unter das sächsische Privatrundfunkgesetz (SächsPRG). Im SächsPRG steht in § 4 Abschnitt (6): „ab dem 1. Januar 2010 erfolgt die Übertragung von Rundfunkprogrammen und Mediendiensten in Sachsen ausschließlich in digitaler Technik.“ Bisher sind alle Sendezulassungen auch nur bis Ende 2009 vergeben, so auch die von coloRadio. Wer noch niemanden kennt, der bereits ein Radiogerät hat, womit man digitale Frequenzen empfangen kann, der kann sich denken, dass digitaler Rundfunk nicht so schnell eingeführt werden wird. Dass heißt, dass demnächst das SächsPRG geändert werden wird und dass die Ukw-Frequenzen nach 2009 neu verteilt werden könnten. Hier werden die drei sächsischen freien Radios, Radio T aus Chemnitz, Radio Blau aus Leipzig und coloRadio aus Dresden, dafür kämpfen müssen, dass sie auch ab 2010 eine Frequenz zum Senden haben. Dazu brauchen diese Radios die Unterstützung ihrer Hörer. Zur Zeit rauscht coloRadio nur sehr schlecht im Seite 9 Empfänger. Auch in Chemnitz und Leipzig ist der Empfang nicht besser. Das Jahr 2010 wäre bei der Neuvergabe der sächsischen Ukw-Frequenzen also die besste Möglichkeit, bessere Frequenzen für die freien Radios zu fordern. Eine akzeptable Empfangbarkeit wäre für den Anreiz wichtig, selbst Radio zu machen. Außerdem decken die jetzigen 49 Stunden Sendezeit je freies Radio in Sachsen ja auch noch nicht die 168 Stunden, die eine Woche hat. Und sollte der Radioempfang in Zukunft doch irgendwann digitalisiert werden, dann sollten auch die freien Radios dabei sein. Freie Radios benötigen nicht nur die Zulassung für die Frequenz, sondern auch die Befreiung von Sende- und Leitungskosten sowie die Befreiung von der GEMA-Gebühr. Die freien Radios in Chemnitz und Leipzig sind bisher davon befreit. Ohne Lizenz musste coloRadio Dresden diese Gebühren bisher nicht bezahlen und hofft jetzt auch auf eine Befreiung. coloRadio im Internet: www.coloradio.org Nachruf Manfred Huck 1949 - 2008 Radio F.R.E.I. in Erfurt hat einen seiner „besten Radionauten“ verloren. Nach schwerer Krankheit ist Manfred Huck im April 2008 gestorben. In vielen Freien Radios war er im wöchentlichen „Medienflash“ zu hören und auch immer wieder bei Treffen Freier Radios mit dabei. Radio F.R.E.I. erinnert an ihn: Er hinterlässt eine unverschließbare Lücke in unseren Reihen und im Programm des Freien Rundfunks Erfurt International. Wir vermissen seine Stimme, seine streitbare Präsenz und seinen herrlich bizarren Humor. Wir haben einen begnadeten Tüftler und einen mitunter knurrigen Redakteur der Ersten Stunde verloren. Gerade Manfred Huck hat durch seinen hartnäckigen Fleiß, seine Beharrlichkeit als politisch denkender Mensch und seine eigenwillige Arbeitsweise bewiesen, dass ein fragiles Radioprojekt auf freiwilliger Basis Kraft, Anerkennung und Wahrheit entwickeln kann. Vielleicht wird uns erst in den nächsten Zeiten klar werden, dass der Verlust von Manfred ein Beleg dafür sein könnte, dass eine ehrenamtliche, streitbare Zusammenarbeit unterschiedlichster Menschen über solcherart schnöde Barrieren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und Einstellung hinweg möglich ist. Und unser Leben bereichert. Manfred Huck gilt als wesentlicher Erfinder der Sendung NOWOSTI. Außerdem betreute er den MEDIENFLASH und verschiedene andere Sendungen. Seite 10 Wie fürchterlich ist das Radio in Deiner Stadt? Mache folgenden einfachen Test! (von Dave Mandl und Sven Thiermann) ? Schritt 1: Schalte Dein Radio an und lege Dir Zettel und Stift bereit. Schritt 2: Höre vier zusammenhängende Stunden (Ich weiß, es ist hart, aber Du kannst es schaffen ... !) und wechsle dabei so oft es geht den Sender. Schritt 3: Beginne mit 500 Punkten und addiere oder subtrahiere Punkte für jedes Ereignis, was in der folgenden Liste benannt ist. Schritt 4: Vergleiche Dein Ergebnis mit dem anderer Städte und schicke es an texte(at)freie-radios.de – je weniger Punkte, desto schlimmer! Jede Werbung minus 2 Jede geradlinige Behauptung, dass die Station in irgendwas die „Beste“ sei („die beste Musik in Sachsen“, „Berlins beste Oldies“ etc.) minus 20 Angebliche „Non-Stop“-Musik, die tatsächlich aber unterbrochen ist minus 25 Die Phrasen „Hits der X-er“ oder „Das Beste aus ...“ in jeder Form minus 20 Wettbewerbe, in denen Hörer sich selbst in Verlegenheit bringen sollen, in dem sie sich an ihrem Telefon mit dämlichen Radiowerbeslogans melden minus 25 Verletzung von Richtlinien des Jugendmedienschutzes (z.B. unkritische Darstellung von Drogenkonsum) plus 30 Live-Interview im Studio mit einer Band oder einem Autor, die nicht versuchen, irgendetwas zu verkaufen (neues Album, aktuelle Tour, neues Buch etc.) plus 30 Interview mit einer wirklich bescheuerten Band, die nichts zu sagen hat minus 25 (wenn es dazu noch Live-Anrufe gibt zusätzlich minus 15) Kindersendung, die von Kinder gemacht wird plus 50 Jeder Song, den Du innerhalb der letzten drei Tage schon einmal im Radio gehört hast minus 20 Jeder Song oder jede Aufnahme mit Sex-Geräuschen, aber nur, wenn auch Männer zu hören sind plus 25 Jedes Stück Musik, was offensichtlich von einer Kassette eingespielt wird plus 30 Jedes Stück nicht-westliche Musik, was ohne näheren Grund gespielt wird (z.B. als Teil einer Spezialsendung) plus 25 Jedes Stück Musik, was länger als sechs Minuten dauert plus 20 Jedes Stück Musik, was länger als 16 Minuten dauert minus 20 Jeder Song, der nicht auf einfache Weise beschafft werden kann plus 10 Songs, die so schlecht sind, dass Du vor deren Ende die Station wechseln musst minus 30 (falls beabsichtigt stattdessen plus 10) Zwei aufeinanderfolgende Songs mit jeweils völlig anderer Musikart z.B. Techno/Operette oder Schlager/Metal) plus 10 (falls der Moderator noch ewig über diesen Wechsel spricht und diesen „erklären“ will stattdessen minus 10) Jede Bezeichnung eines Songs als „Rock“, der in Fakt Mainstream ist minus 5 Seite 11 Songs, die Ladendiebstahl oder andere selbstbewusste illegale Sachen befürworten plus 35 Heavy-Metal-Song, der Dich beim Hören wirklich fürchten lässt plus 20 Zynische Versuche, Verbundenheit mit Hörern herzustellen, die abhängige Lohnsklaven sind (z.B. durch Bemerkungen wie „Zum Glück ist’s schon Freitag“, „Mittwoch – die Hälfte ist geschafft“ etc.) minus 40 Gewinnspiele, die den Hörer in seiner Lohnabhängigkeit bestätigen (Senderfinanziertes Frühstück am Arbeitsplatz o.ä.) minus 35 Echte Piratenstation empfangen plus 100 (falls diese Station einen Song spielt, den Du in den letzten drei Wochen schon einmal bei einem kom- merziellen Sender gehört hast stattdessen minus 30) Moderator niest, hustet o.ä. ins Mikrofon plus 20 (falls er damit versucht, einen auf Künstler zu machen stattdessen minus 25) Eine halbe Stunde oder mehr an durchgehender Musik ohne darauf bezogene Prahlerei plus 20 jede Art von ökonomisch-patriotischer Bemerkung minus 30 Anti-anti-amerikanische Bemerkung minus 25 Anti-anti-anti-amerikanische Bemerkung minus 25 Anti-deutsche Bemerkung plus 20 (wenn der Sprecher gleichzeitig „alternativen“ Nationalismus verbreitet, z.B. durch unkritische Pro-Israel-Äußerung o.ä. stattdessen minus 30) Sexistische Bemerkung oder Witz minus 35 Anti-Bullen-Bemerkung plus 35 Benutzung der Floskel „political correctness“ von Leuten, die dies offenkundig für eine Erfindung der Linken halten minus 30 Anti-Musik-Business-Bemerkung plus 20 (falls von jemand, der gleichzeitig ein „alternatives“ Produkt verkaufen will stattdessen minus 25) Jede Äußerung zum Wetter minus 15 Offenkundiger Bezug zum Satan oder Satanismus von jemanden, der 15 Jahre oder jünger ist plus 40 Offenkundiger Bezug zum Satan oder Satanismus von jemanden, der älter als 17 Jahre ist minus 25 Seite 12 nur Musiksendungen: ausführliches Vorlesen der Werbezettel oder Booklets der gespielten Musik minus 4 für jede Minute Charakterisierung der Stilrichtung einer Band unter Benutzung der Floskel „passt in keine Schublade“ oder ähnliches minus 40 bei Bandinterviews: jede Frage zum Ursprung des Bandnamens minus 30 jeder Song, der nicht deutsch oder englisch gesungen wird plus 15 (falls eine Nicht-EU-Sprache zusätzlich plus 10) Telefonstreich über den Äther mit Privat-Personen minus 20 Telefonstreich über den Äther mit einer Behörde, Verwaltung, Polizei o.ä. plus 25 Jede Ankündigung eines Beitrages, der erst nach der übernächsten Musik kommt (sog. „Teaser“) minus 10 Jede vorgelesene Nachricht, die kürzer als eine Minute ist minus 1 pro fehlender Sekunde Alles, worüber Du spontan und unkontrolliert lachen musst (vermutlich ist das nicht leicht ...) plus 50 Jeder Weihnachtssong, der in der Weihnachtssaison gespielt wird minus 1 (Falls „Last Christmas“ von Wham! minus zusätzlich 20) Jeder sonstige Feriensong, der in der falschen Saison gespielt wird plus 5 Auswertung: -500 Punkte oder weniger: noch schlimmer als vermutet -200 bis –499 Punkte: entspricht ungefähr dem Durchschnitt -1 bis –199 Punkte: nicht so schlecht 0 Punkte oder mehr: rechne lieber noch mal nach * Original des Textes: Dave Mandl: How Awful is the Radio in Your City? in: Strauss, Neil (ed.): Radiotext(e), New York 1993. Übersetzung und Modifizierung: Sven Thiermann, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Dave Mandl macht seit vielen Jahren Sendungen bei WFMU in New York. Siehe auch: http://www.wfmu.org/~davem. Seite 13 RadioCamp 2008 Rückblick auf das Radiocamp am Bodensee Seltsame Zeiten, um darüber nachzudenken, was Freies Radio in diesem Land meinen könnte. In Berlin, Brandenburg, in Bremen und dem Saarland gibt es gar keines, in NRW ist Funkstille, in Mecklenburg sah es aus, als würde etwas starten, aber..., in Bayern darf es nicht so heißen - und in Hannover - nun ja - frühe Fehler zahlen sich spät aus - dann aber final. In dieses Klima hinein gab es trotzdem ein Radiocamp am Bodensee. Und dass es das gab, ist gut- vielleicht sogar ein letztes Relikt, oder sagen wir hoffnungsvoller - eine Option. Neben Bedienungsanleitungen für Telefonumbau zu Aufnahmevarianten, neben mühsamen open-source-Audiotrainings, neben dem schmerzhaften Erkennen, dass es nicht reicht, auf der „richtigen Seite“ zu sein, gab es im Camp etwas, was vielleicht wichtiger ist, als Durchhörbarkeit und Akzeptanz von Medienanstalten: es war das Gefühl für die Chance zur Intervention. Mündigkeit und Nischen-Öffentlichkeit (manche nennen es Gegenöffentlichkeit) sind erkämpft und längst Realität. Neu ist die Erkenntnis der Interventionsmöglichkeit - wenn man und frau so will - die Chance zur gesellschaftlichen Veränderung. Nichts mehr und nichts weniger ist es, was in den Radios des BFR für Aufruhr sorgt - in Hannover weniger, in Dresden und Halle mehr... Was macht Freie Radios attraktiv für die Gesellschaft? Die Themen sind es sicherlich, aber... - die MacherInnen sind es mehr noch... - aber: vor allem ist es vielleicht die Qualität der Kommunikation. Die Art und Weise, wie wir das Medium Hörfunk in Beschlag nehmen - die Art und Weise, wie wir über Dinge reden, wie lange und wie selbstbestimmt, wie direkt oder wie ehrlich. Daran werden sich genau diese Radios messen lassen können. Aber was heißt das für die nächsten Jahre? Vielleicht heißt es, die eigenen Praktiken stärker als bisher einer uns umgebenden Realität auszusetzen - der gute Wille ist wünschenswert, das ernst gemeinte Ergebnis ist möglicherweise wichtiger. Zwanzig Stunden Nachdenken über die richtige Frage ( die eigentlich bewe- gende) - drei Stunden Nachdenken über das Wie - na gut - für den Radioalltag dann eben: drei Stunden Nachdenken über die Frage und eine über das Wie und mit Wem? Im nächtsen Jahr könnte am Bodensee auf diesem Wege beim Radiocamp auch der BFR neu erfunden werden. In jedem Falle ist es auf dem Wege dahin. Dank Timo, Wera und Irina. Es könnte sein, dass dann RadioaktivistInnen in der Einkaufspassage keinen Zweifel daran lassen, dass sie die Werbeaktion von Mc Donalds seltsam finden, könnte sein, dass Jemande ihr Mikro auspackt, wenn ein NPD-Stand mit dem Transparent WANDERCIRCUS verdeckt wird - und es könnte sein, dass in einer gut geplanten Aktion ein UMTS-basiertes mobiles Radio live von überall sendet - ganz uncharmant und technisch unbeholfen - aber im wahrsten Sinne interventionistisch - eine Menge diskutierender Menschen erzeugend, die allesamt live auf der UKW-Frequenz zu hören sind. Unverstellt, ohne Geld, einzig getrieben vom Eingreifenwollen... ein neuer Anfang - jenseits von geschmäcklerischer Lokalredaktion und alternativer Selbstbefriedigung. Open source FREIES RADIO mit offenem Ausgang. Ralf Wendt (Radio Corax, Halle) - auf dem Camp für den Workshop „sich aussetzendes Radio“ verantwortlich Seite 14 RaDialoge 08 Vom 10. bis 14. Juli 2008 fand das Interkulturelle Radiofestival „RaDialoge08“ statt. Eingeladen dazu hatte Radio LoRa nach Zürich, das an dem Wochenende auch das 25 jährige Jubiläum gefeiert hat. Unterstützt wurde das Festival von den Verbänden Freier Radios in der Schweiz (UNIKOM), Österreich (VFRÖ) und Deutschland (BFR) sowie der Radioschule Klipp & Klang in Zürich. Hier einige Eindrücke der TeilnehmerInnen: Guy, Radio ARA, Luxemburg Ich habe an drei Workshops teilgenommen. Einmal ging es um interkulturelle Arbeit im Radio, ein anderes Mal um Akzente in der Sprache. Wir haben auch die Sprachsituation im Radio dargestellt, wo es Missverständnisse geben kann, wo unklare Anweisungen sind in der Sprache. Um klar zu machen, dass es an den Strukturen liegt und nicht an den Fähigkeiten der beteiligten Menschen. Havia, Radio Almenara, Madrid In Spain there are hundred radios, free or community radios stations. For me is very interesting this space, this meeting. Because I know now different person from other countries of Europe: Germany, Switzerland, Luxemburg, Österreich. For me is that very interesting, because these radios from these countries nobody met. The meeting and the discussion are very interesting. And the intercultural question. Rosi, Radio FRO, Linz Ich bin hier um interkulturelle Projekte zu recherchieren, weil wir bei uns eine Programmreform machen, wo die RadiomacherInnen mehr eingebunden werden sollen in der Mitbestimmung, das jetzt bei uns gerade nicht der Fall ist. Ich habe mir verschiedene Workshops von Beate Flechtker angesehen, wo es um interkulturelle Zusammenarbeit ging und auch wie man solche Gruppen und Seminare gestalten kann. Wo das dann möglich ist so zu arbeiten, mit den ganzen Leuten. Ich nehme sehr viel mit. Darius, Onda Info, Berlin Ich habe eine Veranstaltung zum Thema interkulturelle Kommunikation mitgestaltet, wo es um Radioforen und um neue Möglichkeiten, neue Wege eigentlich, sich radiomäßig zu vernetzen und über das Radio neue Kommunikationsformen auszuprobieren. Vasil, Crossradio Network, Skopje I‘m for the first time here in Switzerland. I was have time to visit a couple of workshops. I was impressed by the game-workshops that we was doing every day. I‘ve met a lot of new people. who seems to be interested in the project who we are doing. Hopefully near future we will find common language for something real. Paola, Radio LoRa, Zürich Ich mache bei LoRa verschiedene Sendungen auf spanisch. Zu Politik, Musik und internationale Nachrichten die nicht im Mainstream sind. Ich habe mich ein wenig um die kulturellen Aktivitäten gekümmert, z. B. um ein interkulturelles Theater, einige Workshops und die Ausstellung. Ich bin zufrieden, denn im deutschprachigen Raum gibt es jetzt stärkere Beziehungen und Vernetzungen, um uns in Zukunft besser bewegen und austauschen zu können und konkrete Projekte aufzubauen. Niko, RaDar, Darmstadt Ich arbeite in einer Redaktion wo wir viele Sendungen haben, die muttersprachlich senden. Mich interessiert auch, wie kann man vielleicht auch innerhalb unserer Redaktion, wo jeder seine Sendung für sich eigentlich tut, diese Stärken zusammenbringen und vielleicht neben den Sendungen die man eh schon macht noch eine gemeinsame. Oder wie macht man seine eigene selber noch ein bisschen anders, mehrsprachig. Im Internet entsteht gerade eine ausführliche Dokumentation, auch für alle die nicht dabei sein konnten: www.radialoge08.blogsport.de Seite 15 Radioinitiative Seefunk Radioprojekt im Lausitzer Braunkohlerevier „Und plötzlich stand tatsächlich dieser Typ vor dem Studio und hat das geklaute Fahrrad in der Hand, um es wieder zurückzubringen.“ Axel hat die Welt nicht mehr verstanden, im August 2007. Irgendjemand hatte sein Fahrrad geklaut, einfach so, wahrscheinlich aus Spaß. Auf jeden Fall war es weg und das mitten in der Oberlausitzer Steppe, knapp 120 Kilometer östlich von Dresden, wo Axel sonst wohnt und bei coloradio Sendungen fährt. Zu Hause wäre jetzt alles zu spät gewesen: Ist so ein Rad mal weg, bleibt es weg, wer sucht hat zu viel Zeit zum Ärgern. Doch Axel war nicht zu Hause und hatte die Idee, im Radio nach seinem Rad zu fahnden. Per Aufruf, über die UKW-Veranstaltungsfrequenz 95,7 Megahertz, die gerade von einer Radioinitiative namens „Seefunk“, genutzt wurde, um das lokale Licht-Klang-Festival Transnaturale zu übertragen. Offensichtlich mit Erfolg. Denn kurze Zeit brachte jemand das Rad kleinlaut zurück, äußerlich zwar unbeschädigt, aber innerlich bestimmt froh, sein künftiges Leben nicht im Lausitzer Braunkohlerevier fristen zu müssen. Seefunk wird auch 2008 auf Sendung gehen und über die Transnaturale berichten. Auch Workshopplätze für Mitarbeiter freier Radios sind noch frei. Warum das Programm in der Provinz so gut ankommt, weiß Oliver Zweinig, einer von zwei Seefunkinitiatoren auch nicht so genau. Vielleicht macht es die Mischung: Denn Seefunk ist ein Surrogat aus Freiem Radio und Bürgerfunk. Initiiert von den Kulturmanagement-Studenten Oliver Zweinig und Josepha Dietz, produziert von gestandenen Freie Radio-Machern aus Dresden und diversen Nutzern der sächsischen Variante des Offenen Kanals. Jeder bringt das ein, was er kann. Die Vertreter des Freien Radios sorgen dafür, dass das Programm nicht allzu beliebig wird, die Beiträge der Bürgerfunker sind meist technisch besser, dafür fehlt ihnen ab und an der Tiefgang. Das sorgt durchaus für Ärger. So hatten die Bürger-funker im letzten Jahr die Produktion der stündlichen Nachrichten übernommen und lasen brav das ab, was Angela Merkel den Nachrichtenagenturen ins Mikro sprach. coloRadio, was einen Teil der Sendungen übernahm, blendete sich daraufhin aus dem Programm aus und kam erst wieder zurück, als die Nachrichten vorbei waren. „Wir konnten nicht anders“, so Martin Busche, damals für coloRadio vor Ort. „Wir verstehen uns als Teil der Gegenöffentlichkeit, da haben solche Nachrichten keinen Platz.“ Dem eigentlichen Sendebetrieb ist stets ein mehrtägiger Workshop vorgeschaltet, der Radiolaien das ABC des Rundfunks vermittelt. Themen sind neben der reinen Medienpädagogik auch klassische Themen Freier Radios wie Medienkritik, Medienanalyse und Gegenöffentlichkeit. Auch hier prallen Gegensätze aufeinander, allerdings konstruktiv. Denn die Workshopleiter der Freien Radios und des Bürgerfunks werden von einem Berliner Radioprofi unterstützt. Das kann schief gehen, wie im letzten Jahr, als ein Mann vom MDR engagiert wurde und keinen rechten Zugang zum Laien-Publikum fand. In diesem Jahr kommt jemand von Radio Eins aus Berlin, der es nur besser machen kann. Die Workshopleiter werden sogar bezahlt. Kulturmanagement-Studenten haben Fundraising gelernt und kennen da wenig Schmerzen. Zweinig und seine Kollegin sind das ganze Jahr unterwegs, Geld aufzutreiben: Von Stiftungen, der sächsischen Landesmedienanstalt, den sächsischen Offenen Kanälen und Freien Radios: coloRadio hat im letzten Jahr für eventuelle Ausfälle gebürgt und die Sendetechnik gestellt. Das macht sich bezahlt: Seefunk residierte in einer ausgedienten Schule mit viel Platz für all die Sendeanlagen. „Das ganze ist ein Experiment“, glaubt Zweinig, „unser Radio ist im Fluss, klingt halt so wie seine Macher.“ Mal mehr nach Freiem Radio, mal mehr nach Bürgerfunk. Hört doch mal rein.“ Martin Busche, coloRadio, Dresden Mehr Infos über die Festivalfrequenz unter: www.festivalfrequenz.de Für die Workshops im August und September werden noch Teilnehmer gesucht. Seite 16 FSK Hamburg FSK fordert Daten zurück Trotz Gerichtsbeschluss: Polizei und Staatsanwaltschaft verweigern Herausgabe presserechtlich geschützter Daten Am 11. Juni 2008 wurde ein Mitarbeiter des Freien Sender Kombinats (FSK) in Hamburg in den frühen Morgenstunden von acht Polizeibeamten und einer Dienstwaffe an seiner Schläfe geweckt. Grund dafür waren Ermittlungen in einem unterstellten privaten Internet-Betrugsfall kleineren Umfangs. Bei der Hausdurchsuchung beließen es die Beamten nicht bei den im Ermittlungsverfahren sachdienlichen Schritten. Vielmehr eröffneten sie dem Beschuldigten, dass man über seine Tätigkeit im Radio des FSK 93,0 Mhz Bescheid wisse und er zusammen mit dem Sender die Proteste gegen die Nazi-Demonstration in Hamburg-Barmbek am 1. Mai dieses Jahres organisiert habe. Beschlagnahmt wurden neben diversen anderen Dingen, die offensichtlich nichts mit dem Betrugsvorwurf zu tun haben, ein Rechner, der ausschließlich zur Herstellung der FSK-Programmzeitschrift „Transmitter“ dient. Auf Widerspruch dagegen unter Verweis auf das Presserecht und Vorlage eines Presseausweises antwortete man lapidar: „Sie können sich ja beschweren“. Dies wurde sowohl von Seiten des Betroffenen wie auch durch eine Anwältin des Freien Sender Kombinats getan. Bis heute hat die Polizei den für die Produktion der Programmzeitschrift notwendigen Rechner nicht herausgerückt - obwohl das Amtsgericht Hamburg in einem Beschluss vom 2. Juli festgestellt hat, dass die Beschlagnahme mit dem Ermittlungsverfahren „nichts zu tun habe“ und „zurückzuweisen“ sei. Seit 20 Tagen hält die Polizei nun illegalerweise Daten des FSK bzw. Eigentum des von der Durchsuchung Betroffenen unter Beschlag. Die Staatsanwaltschaft wurde vom FSK aufgefordert, anzugeben, welche Stellen der Polizei mit welcher Begründung Einsicht in die vom Presserecht geschützten Daten des Radiosenders haben. Diese Anfragen wurden bis heute ignoriert. Die Hamburger Polizei, das geht aus ihren Aktivitäten gegen das Freie Sender Kombinat eindeutig hervor, agiert außerhalb rechtsstaatlicher Grenzen und scheint auch dann ein Einlenken nicht für nötig zu halten, wenn sie vom Gericht in die Schranken verwiesen wird. Wir stellen einigermaßen konsterniert fest, dass trotz ganz offensichtlicher Rechtswidrigkeit des polizeilichen Vorgehens wir kaum Möglichkeiten zur Gegenwehr besitzen. Das FSK wird in den nächsten Tagen eine Dienstaufsichtsbeschwerde wegen Untätigkeit gegen den zuständigen Staatsanwalt einreichen. Mit den Vorfällen zur Nazi-Demonstration am 1. Mai dieses Jahres, dem Einbruch in die Rote Flora am 6. Juli sowie dem Verhalten gegenüber dem FSK ist es an der Zeit, die politisch Verantwortlichen in Senat und Bürgerschaft aufzufordern, die Rechtsstaatlichkeit polizeilichen Vorgehens sowie ihre politische Kontrolle über die Polizei zu gewährleisten. Wir freuen uns über zahlreiche Solidari-tätsbekundun-gen, u.a. von der Deutschen JournalistInnen Union. (FSK-Presseinformation vom 22. Juli 2008) Update: Inzwischen hat die SPD im Hamburger Senat dazu eine kleine Anfrage eingebracht. Nach Informationen der TAZ soll die Herausgabe inzwischen angeordnet worden sein. FSK im Internet: www.fsk-hh.or Seite 17 Meldungen Radio FRO Mediadays Am 6. und 7. September 2008 lädt Radio FRO in Linz ein zu den „Mediadays 2008 - Open Networks Shaping Society? - Future in Progress!“, als Teil des Ars Electronica Festival 2008. Die Medienkonferenz widmet sich dem Themenkomplex freie Netze, Diversity, Offenheit und Organisation. Ihre / Eure Zugänge, Ideen, Themenvorschläge etc. sind gefragt. Technologie und Techniken sind dabei selbstverständlich wieder von besonderer Bedeutung, aber eben nicht nur Technologien, sondern auch soziale Techniken, soziale Praxis, Herangehensweisen, Organisationskonzepte u. ä. werden mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Funknetzwerke, wie Funkfeuer, Bloggings, Streaming, Podcast, Wikis und Co. sollen aber nicht bloß zur Diskussion gestellt werden, sondern schon in der Konzeption Anwendung finden. Das definitive Programm wird aber erst vor Ort Gestalt annehmen, weil das Publikum, die Interessierten, durch aktives Bekunden ihrer Interessen, mitentscheiden sollen, welche Bereiche in welchem Raum behandelt werden. Wer etwas beitragen oder die Diskussion verfolgen will, kann das im öffentlichen Wiki tun. Alle Infos: www.fro.at Kampagnenradio - Wünsche werden wahr! Mitte August startet in Berlin die einmonatige Kampagne „ /unvermittelt - für einen Arbeitsbegriff jenseits von Überarbeitung und Mangel“. Thema wird dabei auch interventionistisches Radio sein: Wege an die Öffentlichkeit I - Workshop: Wie mache ich Kampagnenradio? Interventionen in Radiotalksendungen oder Wunschmusiksendungen. Mitzubringen sind ein Telefon und ein Lieblingssong zum Thema Arbeit. Mo. 18. 8. von 10 - 13 Uhr und Sa 30. 8. von 12 - 15 Uhr Wege an die Öffentlichkeit II (in Kooperation mit mikro.FM) - Piradiosender-Lötworkshop und Radioprogrammtag mit Wünsche werden wahr! & mehr... Sa. 13. 9. von 10 -17 Uhr Bitte, wenn´s geht, Lötkolben, Laptop, mp3/ogg-Player und ähnliches Gerät mitbringen. Anmeldung: 0177 / 96 55 887 oder institut [at] ifpfn [dot] net Alle Infos zur Kampagne: www.unvermittelt.net EU-Parlament berät zu Community Medien Der Ausschuss für Kultur und Bildung hat mit einigen Änderungen den Bericht der österreichischen EP-Abgeordneten Karin Resetarits zu Community Medien in Europa angenommen. Er geht auch an nationale Parlamente und Regierungen und betont die Bedeutung von Community Medien vor allem mit Blick auf eine pluralistische Medienlandschaft und kulturelle Vielfalt. Er fordert vor allem mit Blick auf die europäische Ebene dazu auf, Maßnahmen zur Unterstützung von Community Medien zu ergreifen. Sollte im September eine Entschließung des Europäischen Parlaments erfolgen, wäre das Papier ein Referenzdokument, das inhaltlich weit über den real vorhandenen Status von Community Medien in einer ganzen Reihe von EU-Ländern (v.a. in Osteuropa) und hierzulande auch einigen Bundes-ländern hinausgeht. Die Endversion des Dokuments ist auf www.cmfe.eu herunterladbar. Letzte Seite: Termine 16. - 24. August 2008 Campradio in Hamburg 24. - 31. August 2008 Seefunk in Uhyst/Spree 6. und 7. September 2008 Medientage bei Radio FRO in Linz 21. September 2008 Aktionen und Demo von Radio T in Chemnitz 28. - 30. November 2008 BFR-Kongress bei Querfunk in Karlsruhe Impressum: Herausgegeben vom: Bundesverband Freier Radios c/o Radio Unerhört Marburg Rudolf-Bultmann-Str. 2b, 35039 Marburg Tel: 06421 / 68 32 65, Fax: 06421 / 96 19 95 bfr(at)freie-radios.de [bfr-rundbrief] - Redaktion: Stefan Tenner c/o Radio Corax Unterberg 11 06108 Halle Tel: 0345 / 47 00 74 5 oeffentlichkeit(at)freie-radios.de www.freie-radios.de/rundbrief Layout: P[r]UNK Kai Noah Schirmer Kai.Noah.Schirmer(at)web.de Titelbild: Radio LoRa, Zürich von Niko Martin Nächster Redaktionsschluss: 15. Oktober 2008